Was das biologische Alter meint
Das kalendarische Alter zählt die Jahre seit der Geburt. Das biologische Alter ist eine Schätzung. Es soll zeigen, wie weit Alterungsvorgänge im Körper fortgeschritten sind, verglichen mit Menschen gleichen Alters. Liegt es unter dem kalendarischen Alter, wirkt der Körper nach dem jeweiligen Messverfahren jünger als der Durchschnitt. Liegt es darüber, wirkt er älter.
Dass Gleichaltrige unterschiedlich schnell altern, zeigt eine Langzeitstudie aus Neuseeland mit 954 gleich alten jungen Erwachsenen. Das Forschungsteam verfolgte über Jahre, wie gut Lunge, Herz und Gefäße, Nieren, Leber, Zahnfleisch und Immunsystem arbeiteten. Wer nach diesen Werten schneller alterte, war schon vor der Lebensmitte körperlich weniger belastbar, schätzte die eigene Gesundheit schlechter ein und sah älter aus.
Eine einheitliche Messung gibt es trotzdem nicht. In derselben Studie verglich das Team elf Maße des biologischen Alterns, darunter die Länge der Chromosomen-Enden (Telomere), epigenetische Uhren und Maße aus Körper- und Blutwerten. Sie stimmten nur wenig überein. Ein Testergebnis ist deshalb immer die Antwort eines bestimmten Rechenwegs, kein fester Wert wie die Körpergröße.

Wie das biologische Alter berechnet wird
Epigenetische Uhren
Die Epigenetik untersucht chemische Markierungen an der Erbsubstanz DNA. Sie verändern die Erbinformation nicht, beeinflussen aber, wie stark Gene an- oder abgeschaltet sind. Eine dieser Markierungen heißt Methylierung. An bestimmten Stellen der DNA verändert sie sich mit den Jahren so gleichmäßig, dass sich daraus ein Alter schätzen lässt. Epigenetische Uhren sind Rechenmodelle, die genau das tun, in der Regel anhand einer Blutprobe.
- 2013: die ersten Uhren. Sie wurden darauf trainiert, das kalendarische Alter zu treffen. Die Uhr von Horvath nutzt 353 Stellen der DNA und entstand aus rund 8.000 Proben von 51 Geweben und Zelltypen. Die Uhr von Hannum beruht auf dem Blut von 656 Menschen zwischen 19 und 101 Jahren.
- 2018 und 2019: Gesundheit statt Kalender. Spätere Uhren richten sich an der Gesundheit aus. PhenoAge orientiert sich an einem Alter, das aus Blutwerten berechnet wird, GrimAge an der Lebenszeit. GrimAge enthält unter anderem einen Schätzwert für das bisherige Rauchen.
- 2022: das Tempo. DunedinPACE misst kein Alter, sondern ein Tempo: wie viele biologische Jahre auf ein Kalenderjahr kommen. Ein Wert von 1,0 bedeutet ein Jahr pro Jahr. Grundlage sind 19 Messwerte zu Organfunktionen, die in der Studie aus Neuseeland über zwei Jahrzehnte erhoben wurden.
Blutwerte
Das sogenannte phänotypische Alter kommt ohne Erbgutanalyse aus. Es wird aus dem kalendarischen Alter und neun Laborwerten berechnet, darunter Blutzucker, das Bluteiweiß Albumin, der Nierenwert Kreatinin, der Entzündungswert CRP und die Zahl der weißen Blutkörperchen. Alle neun Werte gehören zu üblichen Laboruntersuchungen. Entwickelt wurde das Verfahren mit Daten aus Gesundheitsstudien der US-Bevölkerung.
Körperliche Tests
Auch einfache Messungen der körperlichen Verfassung werden seit Jahrzehnten erforscht:
- Griffkraft. Gemessen mit einem Handkraftmesser: In einer Studie mit rund 140.000 Menschen aus 17 Ländern ging eine höhere Griffkraft mit einem geringeren Sterberisiko einher. Ob gezielter Kraftaufbau daran etwas ändert, muss laut Studienteam noch geprüft werden.
- Gehgeschwindigkeit. In neun Studien mit über 34.000 Menschen ab 65 Jahren hing ein schnellerer Gang mit einem längeren Leben zusammen.
- Ausdauer. Gemessen wird die maximale Sauerstoffaufnahme, kurz VO2max, bei einem Belastungstest mit Atemmaske. Nach einer Übersicht über 199 Beobachtungsstudien haben fittere Menschen unter anderem seltener eine Herzschwäche und leben im Mittel länger.
Eine internationale Fachrunde zählt Griffkraft, Gehtempo und epigenetische Uhren zu den Messgrößen, die sich für Studien zum Altern eignen. Gedacht sind sie dort für die Forschung.

Was ein Test zum biologischen Alter leistet – und was nicht
Für große Gruppen sind die Uhren aussagekräftig: Wer nach ihnen schneller altert, hat im Mittel häufiger Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder Diabetes. Für einzelne Menschen reicht das nach heutigem Stand nicht aus. Fachleute raten derzeit davon ab, Entscheidungen im Einzelfall auf epigenetische Uhren zu stützen. Die Gründe:
- Streuung. Bei sechs bekannten Uhren wichen zwei Messungen derselben Probe um bis zu neun Jahre voneinander ab. Neuere Rechenwege verringern das. Doch auch der Körper selbst schwankt: Schon im Laufe eines Tages, etwa rund um eine Mahlzeit oder eine Stresssituation, veränderten sich die Werte vieler Uhren deutlich. Nach einer Notfalloperation, in der Schwangerschaft und bei schwerem COVID-19 stieg das geschätzte Alter vorübergehend an und ging mit der Erholung ganz oder teilweise zurück.
- Fehlende Standards. Darüber, wie solche Messgrößen geprüft werden sollen, bevor sie in die ärztliche Praxis kommen, gibt es noch keine Einigkeit. Selbst die Probe macht einen Unterschied: Speichel oder Wangenabstrich lieferten bei denselben Menschen teils ganz andere Werte als Blut, bei manchen Uhren im Mittel fast 30 Jahre.
- Kaum Folgen für die Behandlung. Was ein einzelner Wert bedeutet und was daraus folgen soll, dafür gibt es noch keinen gemeinsamen Rahmen. Ein gutes Ergebnis schließt keine Krankheit aus, ein schlechtes ist keine Diagnose.
- Uneinheitliche Antworten. In einer Studie mit 220 Erwachsenen ohne Adipositas veränderte eine zweijährige Verringerung der Kalorienzufuhr das Tempo-Maß DunedinPACE leicht, die Uhren PhenoAge und GrimAge dagegen nicht. Ob solche Veränderungen der Gesundheit nützen, müssen längere Studien zeigen.
- Kosten. Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen solche Tests in der Regel nicht, denn sie gehören nicht zu den festgelegten Vorsorgeuntersuchungen. Als Selbstzahlerleistung tragen Sie die Kosten selbst.
Ein gutes Ergebnis schließt keine Krankheit aus, ein schlechtes ist keine Diagnose.
Was das Altern nach heutigem Wissen beeinflusst
Manches lässt sich verändern. Die Weltgesundheitsorganisation WHO nennt als beeinflussbare Risiken für chronische Krankheiten Tabak, ungesunde Ernährung, schädlichen Alkoholkonsum und Bewegungsmangel, dazu erhöhten Blutdruck, Übergewicht, erhöhten Blutzucker und ungünstige Blutfette. Die American Heart Association zählt auch den Schlaf zu den Grundlagen der Herzgesundheit. Die Empfehlungen im Überblick:
Bewegung. Pro Woche 150 bis 300 Minuten in mittlerer Intensität, etwa zügiges Gehen, bei dem Puls und Atmung spürbar schneller werden, oder 75 bis 150 Minuten in hoher Intensität. Dazu an zwei oder mehr Tagen Übungen für die Muskeln, ab 65 Jahren an drei oder mehr Tagen Training für Kraft und Gleichgewicht. Etwas Bewegung ist besser als keine.
Schlaf. Regelmäßig sieben Stunden oder mehr. Für Menschen ab 65 gelten sieben bis acht Stunden als passend.
Ernährung. Vielfältig und vor allem pflanzlich, mit mindestens fünf Portionen Gemüse und Obst am Tag, Vollkorn, regelmäßig Hülsenfrüchten und Nüssen und nicht mehr als 300 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche.
Rauchen. Ein Rauchstopp nützt in jedem Alter.
Alkohol. Eine Menge ohne Risiko gibt es nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, auf Alkohol zu verzichten. Wer trinkt, sollte so wenig wie möglich trinken.
Gewicht, Blutdruck, Blutzucker und Blutfette. Es hilft, diese Werte zu kennen und ärztlich einordnen zu lassen. Ein Taillenumfang ab 88 Zentimetern bei Frauen und ab 102 Zentimetern bei Männern gilt als Zeichen einer bauchbetonten Fettverteilung.
Soziale Kontakte. In einer Auswertung von 148 Studien lebten Menschen mit tragfähigen Beziehungen im Mittel länger. Der Einfluss war vergleichbar mit bekannten Risikofaktoren. Die WHO fordert, soziale Verbundenheit zu einem Schwerpunkt der öffentlichen Gesundheit zu machen.
Stress. Anhaltender Stress hängt in Studien mit einem höheren biologischen Alter zusammen. Über welche Wege, wird noch erforscht.
Diese Erkenntnisse stammen vor allem aus Beobachtungen großer Gruppen. Sie beschreiben Wahrscheinlichkeiten, keine Zusagen für einzelne Menschen. Und sie gelten unabhängig davon, was ein Test anzeigt.
Wann eine ärztliche Vorsorge sinnvoll ist
Für die Vorsorge braucht es kein biologisches Alter. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen einen Gesundheits-Check-up: zwischen 18 und 34 Jahren einmal, ab 35 alle drei Jahre. Dazu gehören Fragen zur Vorgeschichte, eine körperliche Untersuchung mit Blutdruckmessung und ein Gespräch über die Ergebnisse. Ab 35 kommen Blutzucker, Blutfette und eine Urinprobe hinzu, einmalig auch ein Test auf Hepatitis B und C. Den Blutdruck sollten Erwachsene nach der Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie unter 40 mindestens alle drei Jahre messen lassen, ab 40 mindestens einmal im Jahr.
Wer Beschwerden hat, wartet nicht auf den nächsten Termin, sondern lässt sie ärztlich abklären. Für weitergehende Untersuchungen von Herz, Kreislauf, Nerven und Atemwegen, etwa ein Belastungs-EKG, einen Herzultraschall oder eine Langzeitblutdruckmessung, gibt es in der CGCE Group die Medical Sphere Vorsorge & moderne Diagnostik. Welche Untersuchung im Einzelfall sinnvoll ist, klären Ärztinnen und Ärzte im persönlichen Gespräch.


